Versöhnung mit dem Nationalsozialismus 

Für mich ist dies ein sehr heikles Thema. Dennoch möchte ich mich ihm stellen. Es ist für mich ein sehr persönliches Thema. Doch ist es auch ein Thema mit gesellschaftlicher Tragweite. Das Thema Diktatur der Nationalsozialisten in Deutschland bewegt mich zu tiefst.

Meine erste Berührung mit dem Nationalsozialismus geschah über meine Eltern. Beide, Vater und Mutter,  waren Kinder und erlebten aus ihrer Sicht Krieg, Flucht, Gewalt, Tod und Zerstörung mit. Beide verloren ihren Vater durch den Krieg viel zu früh. Die Kriegserlebnisse meiner Eltern waren für sie prägend und so wurden sie es zu einem Stück weit auch für mich.

Die Schilderungen der Erlebnisse der Flucht meiner Mutter aus Litauen und die (anfangs recht zurückhaltenden)  Schilderungen meines Vaters von der Zerstörung Dresdens und die Sicht der beiden auf meine Großväter, die ich nicht kennen lernte, gehören zu meiner Kindheit.

Doch mit der Zeit entwickelte sich auch mein eigener Umgang mit den Berichten meiner Eltern. Meine Glorifizierung der Großväter bekam einen wesentlichen Wandel, als mir klar wurde: beide waren Nazis. Beide kämpften für Volk und Vaterland – im Grunde für Hitler und seine Geldgeber, den Kapitalismus. Dafür gaben beide ihr Leben. Trotzdem mangelte es mir (anfangs) an Verständnis. Doch konnten mir Buch und Film „Die Welle“ weiter helfen. Auch „Das Experiment“ bzw. seine reale Vorlage lieferten mir die Möglichkeit, mich mehr mit der Materie auseinander zu setzen und eine Ahnung von Verständnis auf zu bringen. Eigenes Erleben von und „Versagen“ in pflegerischen Notsituationen und Umständen, die Zivilcourage erforderten, zeigten mir auch persönliche Grenzen auf.

Das alles mag im Vorfeld wichtig sein für mein Verständnis des Nationalsozialismus. Doch gab es für mich ein einschneidendes Erlebnis, was mir auf einer ganz persönlichen Ebene aufzeigte, was für mich die bisherigen Erfahrungen bedeuteten. Es ist, als würde alles zu diesem einen Punkt streben, um von dort aus, auf eine neue Ebene gehoben zu werden: ich fragte mich, welche Rolle hätte ich im Nazideutschland denn inne gehabt.

Der Widerstandskämpfer? Der Rebell? Kämpfer für das Gute und Rechte? Aufbegehrer gegen das Regime?

Oder sei ich jemand, der alles sieht, was an Unrecht vor sich geht und es missbilligend hin nimmt, Weg sieht und die Fresse hält? Dadurch, durch die eigene Passivität das herrschende Regime stützt? Aus Angst?

Ein Mitläufer? Nicht wirklich hinter der Sache an sich stehend, doch immerhin mit machen. Es tun ja alle so. Also auch ich.

Oder aber ein Täter? Einer, der aktiv dabei ist? Seine eigenen Ideale und Werte ausweichen Gründen auch immer verrät, mit Füßen tritt und mitmacht: mit marschiert, mit brüllt, mit zerstört, mit tötet?

Und meine erschreckende Erkenntnis, bar jeglicher romantischer Verklärung, war, ja, ein Täter. Täter, das ist eine Rolle, die mir gelegen hätte. Aus all der persönlichen Ohnmacht entsteht auf einmal in der Gruppe ein Gefühl von Größe, Macht und Stärke. Je lauter ich gebrüllt hätte, umso mehr wäre ich mit dabei gewesen. Ich bräuchte garnicht viel zu tun. Alles, was es zu machen galt, war vorgegeben. Den bekannten Spielregeln folgen, der (starren) Struktur sich übergeben, sich da hinein fallen lassen und dieser enorme Strom, trügen, ja risse einen mit fort. Welch ein Rausch. Besonders nach der vorherigen Hoffnungslosigkeit und erlebten Ohnmacht.

Was für ein Schreck. Ja Angst und Panik befielen mich. Was bedeutete für mich diese Erkenntnis? Welche Auswirkungen würde es haben? Was würde ich damit anstellen? Müsste ich nun öffentlich Buße tun und aller Welt erzählen: „Ja, auch ich wäre Täter gewesen.“ Meine eigene Schwäche bekunden, dass ich mich so einschätze, heute, hier und jetzt.

Und in diesem Moment geschah ein Wunder. Ich kann es nicht anders benennen. In diesem für mich schlimmen Moment der Erkenntnis, der Schuld, des aufrichtigen Annehmens dieser für mich Furchtbarkeit, in diesem Augenblick umgab mich ein Licht und ganz tief in mir spürte ich, dass ich geliebt bin. Im Angesicht dieser Ungeheuerlichkeit spürte ich die grenzenlose Annahme und Liebe, die mir zu Teil ist. Ich bin geliebt.

Und nicht nur ich. Wir alle.

Und gleichzeitig konnte ich den Frieden in mir machen. Mit all der Greul, mit der Gewalt, dem Tod – all dem Schlimmen. Mit Qual und Marter und Pein. Mit Krieg und Mord und Zerstörung. Mit Hunger und mit Siechtum. Ich fühlte, wie ich all dem vergeben konnte. Wenn ich von dieser enormen Quelle angenommen und geliebt bin, wenn mir aus dieser Quelle heraus vergeben wurde, dann kann ich dies auch in die Welt hinaus tragen.

In diesem Moment fühlte ich auch den Auftrag in mir. Rein und klar.Ich sollte allen davon berichten. Von der Liebe, von der Vergebung, von der Freiheit. Von der Annahme und der Heilung. Von der himmlischen Gnade.

Durch das mir bewusst werden meiner Täterschaft, durch die Annahme dessen, wurde ich frei. Frei zu wählen, was ich wirklich will. Ich werde nicht mehr durch meine Ablehnung in eine Haltung oder Rolle gezwungen, sondern kann mich frei entscheiden. Ich stehe somit für mich und habe die Verantwortung für mich, ja die Macht über mich zurück bekommen.

Dies sagt mir diese göttliche Liebe, die mich als lieben Sohn annimmt immer und immer wieder. Dauerhaft. Ich brauche bloß Ja! zu sagen, mich ihr zu öffnen.

Und auch hier ist es wieder der Fall: es geht nicht bloß um schwarz oder weiß. Es geht nicht darum, welche Seite denn auch wie immer geartet sich im Recht wähnt – durch die Synthese gibt es die neue Ebene, auf der wir uns aus dem alten Gefüge heraus bewegen, hinein in das Neue.

So wird Frieden wirklich möglich. So brauchen wir keine Angst vor der braunen Masse zu haben. „Wenn jeder vor der eigenen Türe kehrt, dann ist die ganze Welt sauber.“ sagt ein chinesisches Sprichwort. Und ich glaube diese Prozesse der Annahme und Vergebung, des eigenen persönlichen Friedens gerade mit den Nationalsozialisten, ist die ganz persönliche Aufgabe von jedem von uns und dann zieht dies auf der gesellschaftlichen Ebene ebenfalls Heilung nach sich.

So sind die Juden nicht nur Opfer und die Deutschen nicht nur Täter, sondern jeder hat seine eigene Verantwortung und kann diese keinem anderen überbürden.

Mich hatte immer schon an der Aufarbeitung des Nationalsozialismus etwas gestört. Nie konnte ich sagen, was. Nun weiß ich es: die Vergebung fehlte. Und meine Großväter? Was waren sie nun? Heilige oder Monster? Nazis, Widerständler, Verbrecher, Patrioten, Täter oder Opfer? Darum geht es am Ende eben gar nicht. Es waren Menschen – und ich habe ihnen vergeben.

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